Brief an Sören Link

Brief eines Betroffenen an den Duisburger Oberbürgermeister Sören Link den er ihm am Jahrestag persönlich übergab. Bis zum heutigen Tag hat Sören Link keine Antwort gegeben oder versucht ein Gespräch mit dem Betroffenen zu suchen. Kritik scheint er offensichtlich gerne aus dem Weg zu gehen.

Herrn
Oberbürgermeister
Sören Link
Jahrestag Love-Parade-Katastrophe

Sehr geehrter Herr Link,
ich bedanke mich schon jetzt für das Mittagessen mit Ihnen am 24.07.2016 in der Jugendherberge in Duisburg.Da ich an diesem Tag wieder emotional sehr angespannt sein werde, schreibe ich Ihnen diesen Brief. Ich habe 2013 das Erste mal am Jahrestag teilgenommen und wäre damals froh gewesen, wenn ich ein Essen bekommen hätte. Aufgrund der Hitze damals und die vielen Eindrücke und Gespräche an diesem Tag, war ich komplett überfordert, keiner von der Stiftung Notfallseelsorge ist auf mich zugekommen und als ich am 24. dann Abends den gemeinsamen Gottesdienst besucht habe, der für mich sehr emotional war, wurde mir schlagartig klar, ab morgen bin ich wieder mit meinen Problemen alleine. Dann bin ich zusammengebrochen und Frau Kraft hat mich aus der Kirche geführt und sich mein “Leid“ angehört und mir auch Hilfe versprochen und hatte mich an Hr.Rieske übergeben. Ich habe dann zwar nach einer gefühlten Ewigkeit Wasser bekommen, aber ich hätte was zu Essen gebraucht! Später gab es dann für alle Betroffenen sogar noch ein Abendessen!
Später habe ich dann auch noch erfahren, dass ein Betroffener aus unseren Reihen das Hotel bezahlt hat, hätte ich das vorher gewusst, wäre ich nicht zum Jahrestag gekommen!
Jetzt habe ich erfahren, dass Sie nicht wissen, was man am Jahrestag anders machen sollte oder könnte, da ja die Planung und Vorbereitung des Jahrestages durch die Stiftung, deren Gremien und Vertretern von Eltern und Betroffenen erfolgt sein soll, wie es eigentlich auch abgesprochen und vereinbart worden war, doch vieles wurde so nicht gehandhabt und der ganze Jahrestag nüchtern und lieblos eher Verwaltet als gestaltet.

Dann möchte ich Ihnen das mal aus meiner Sicht darlegen:

Ich bin bei dem Planungstreffen 2015 dabei gewesen, damals wurde für die Betroffenenvertreter ein Veto-Recht besprochen und abgestimmt. Nach Gründung der Stiftung stand davon aber nichts in der Satzung und es wurde auch nicht Nachgebessert, warum nicht, fühlt man sich an Absprachen nicht gebunden? Schon damals habe ich gesagt, das ich das nicht gut finde und bis heute fühle ich mich von der Stiftung weder vertreten noch unterstützt, da ich ja sehe, das alles was bei der Stiftung eingereicht wird, einfach abgeschmettert wird, wie z.B. Unterstützung für einen Therapiehund oder Therapiekosten.

Aber zum Jahrestag selbst:

Viele haben keine Einladung bekommen, weil die E-Mail Adressen nicht vorliegen würden. Jedes Jahr haben wir uns auf der Teilnehmerliste eingetragen, was passiert mit diesen Listen? Landen offensichtlich im Müll. Daraufhin haben sich viele bei Fr. Köhler gemeldet und wollten sich anmelden. Das geht auch, aber weil Sie dass jetzt nach der Anmeldefrist machten, bekommen Sie keine Akkreditierung für den 24.07., für den Tunnel bzw. die Rampe. Sie haben Pech gehabt, wird Ihnen dann gesagt, obwohl das Betroffene sind, die seid dem ersten Jahrestag dabei sind! Das ist ein Skandal in unseren Augen, ganz davon abgesehen, dass die Entscheidung, dass alle am Jahrestag an der Rampe sein dürfen in der Stiftung entschieden wurde und der Beschluss dann wieder Rückgängig gemacht wurde. Wofür brauchen wir dann Abstimmungen bzw. die Stiftung? Diese Frage stelle ich
mir dann wirklich! Ein weiteres Problem ist, das viele erst kurz vorher sagen können, ob Sie überhaupt am Jahrestag teilnehmen können, da Sie nicht wissen, ob sie psychisch den Jahrestag, die Anfahrt und den Stress an diesem Tag bewältigen können, auch diese Betroffenen haben dann einfach Pech gehabt! Muss das so laufen? Ein weiteres Problem ist, das viele Betroffene Kinder haben und keine Betreuung für diesen Tag finden, teilweise auch aus finanziellen Gründen. Hier haben wir schon seit Jahren um eine Kinderbetreuung für den Jahrestag gebeten, hier sieht man aber offensichtlich auch keine Notwendigkeit, ich bitte um Abstimmung beim nächsten Stiftungstreffen!
Das Wichtigste für uns Betroffene ist der Austausch untereinander, warum wurde uns der 23.07. genommen? Auch das Ritual, der „Nacht der 1000 Lichter am 23.07.“ lasse ich mir nicht nehmen, deswegen bin ich auch schon am 23.07. angereist! Und viele Betroffene sagen, wenn das jetzt alles am 24.07. „abgehandelt“ wird, ist mir das zu viel Stress an einem Nachmittag, das schaffe ich nicht!
Ich habe mich gefreut, dass das Ausflugsprogramm aufgelegt wurde, der Zoobesuch, die Stadtrundfahrt und die Sache am Hafen, ich kam wirklich auch mal auf andere Gedanken und fühlte mich als Betroffener Ernst genommen, auch das wurde eingestellt, warum?
Und ein persönliches Problem was ich habe, ich muss jedes Jahr um Hilfe bitten, jetzt bei Fr. Köhler, vorher bei Hr. Widera, ich komme mir vor wie ein Bittsteller! Dieses Jahr habe ich noch einen Tag in der
Jugendherberge bezahlt bekommen, nächstes Jahr werde ich, wenn sich nichts ändert, den Jahrestag selbst planen und mein Zimmer alleine buchen, aber dann brauche ich auch keine Stiftung mehr!
Hr. Widera kennt meine Situation, ich habe durch die ganze Katastrophe seit 3 Jahren keinen Strom mehr in meinen Haus, war von 2012 bis Juni 2015 nicht mehr krankenversichert, was in meiner Situation eine Katastrophe war und ich konnte mir nicht mehr selbst helfen. Früher war ich Selbstständig und Unabhängig, ich habe gutes Geld verdient, aber diese Leben gibt es nicht mehr, das habe ich an der Rampe am 24.07.2010 verloren. Ich schäme mich dafür, das ich meine Eltern um finanzielle Hilfe bitten musste, sonst wäre mein Haus im Januar 2016 zwangsversteigert worden. Ich habe seit der Katastrophe an vielen Stellen um Hilfe gebeten, ich bekam immer wieder Versprechungen und wurde IMMER enttäuscht. Auch von Fr. Kraft, ich habe nicht die Kraft, immer wieder um Hilfe zu bitten, und dann soll ich jedem am Besten meinen Lebenslauf, eine detaillierte Abhandlung meiner Geschichte bei der Katastrophe erstellen und und und. Ich hätte mir gewünscht, das mal jemand auf mich zugeht und sich meiner Annimmt, weil ich einfach nichts mehr alleine konnte!
Ich will auch nichts geschenkt, ich habe ein Haus und damit Sicherheiten, ein Darlehen hätte mir z. B.
gereicht, ich habe keins mehr bekommen, weil ich am 23. Dezember 2013 den Offenbarungseid ablegen musste, weil meine private Krankenversicherung auf perfide Art und Weise mein Krankentagegeld gekündigt hatte und ich somit zahlungsunfähig wurde.

Jetzt habe ich Ihnen mal einen kleinen Einblick in mein Leben gegeben, Hr. Widera weiß darüber noch mehr. Er hat mir auch finanziell im Jahre 2015 und 2016 unbürokratisch geholfen, damit ich am Jahrestag und 2014 und 2015 an der Selbsthilfegruppe teilnehmen konnte. Einer der Wenigen, die mir wirklich direkte Hilfe geleistet haben. Sehr geholfen hat mir auch Familie Lerch, durch ihre moderierte Selbsthilfegruppe habe ich es wieder geschafft, die Rampe ohne heftigste „Probleme“ zu betreten und es hat mich schwer getroffen, die anderen Teilnehmer übrigens auch, das uns diese Hilfe genommen wurde! Die Selbsthilfegruppe wurde eingestellt und wir Betroffenen „hingen“ über ein dreiviertel Jahr in der Luft und waren uns selbst überlassen! Jetzt brauche ich keine Hilfe mehr in dieser Richtung, Familie Lerch hat sich über die Monate mein Vertrauen erworben und mittlerweile habe ich mir Hilfe vor Ort gesucht, ich komme ja aus der Nähe von Frankfurt. Und die Fahrtkosten nach Duisburg kann ich mir nicht alle 6 Wochen leisten, ich musste schon die Fahrtkosten für die SHG im Jahre 2015 stemmen, was einfach bedeutet hat, das ich weniger Geld zum Essen hatte!
Und bevor die Stiftung das Angebot einer Selbsthilfegruppe an alle Betroffenen und Angehörigen weitergibt, sollten die Stiftung wirklich einmal überlegen, ob sich die Betroffenen die Fahrt nach Duisburg überhaupt leisten können.

Das ist jetzt alles ein wenig durcheinander, aber ich denke Sie werden meine Punkte, auch gerade die zur Verbesserung des Jahrestages erkennen können, aber ich bin froh, dass ich so kurz vor dem Jahrestag dies so zu Papier bringen konnte. Es gibt noch viele andere Punkte, aber abschließend kann ich für heute sagen, dass die Stiftung nicht mein Vertrauen genießt und gerade Fr. Nellen sehr gute Arbeit leistet, das möglichst wenig Geld für den Jahrestag von diesen bereitgestellten 50.000 Euro im Haushalt der Stadt Duisburg abgerufen wird, zumindest für uns Betroffene. Ich habe die ganzen Jahre gegenüber der Presse geschwiegen, weil ich mich für meine Situation geschämt habe, aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden und die Situation für mich akzeptiert und wenn ich heute von der Presse gefragt werde, kann ich dazu ganz klar Stellung beziehen!

Sollten Sie noch Fragen haben, bin ich unter der o. g. Telefonnummer erreichbar. Für Ihre Bemühungen,
alleine schon meinen Brief zu lesen, bedanke ich mich im voraus.

Mit freundlichen Grüßen ein Betroffener

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